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Grill, Der Rest ist Verdrängen (2004)Grill, Bartholomäus. "Der Rest ist Verdrängen." Zeit 15 (01 April 2004). Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda leben Hutu und Tutsi miteinander in verordneter Eintracht – doch ohne Versöhnung Der „Garten der Erinnerung“ am Stadtrand von Kigali: 700 Ermordete. Dann die Kirche von Ntarama: 5000 Ermordete. Dann der Friedhof von Nyamata: 20000 Ermordete. Schließlich die nationale Gedenkstätte in Gisozi: 250000 Mordopfer. Es ist Sonntag in Ruanda, und man muss diese Fahrt zu den Massengräbern mit dem fröhlichen Eric beginnen, denn sonst würde man den Glauben in die Menschlichkeit verlieren. Eric trägt eine zerschlissene Hose und ein Ringelhemd, dazu Flip-Flops in Neonorange. Er ist laut und lebhaft und kobolzt wild durch die Gegend wie alle Buben in seinem Alter. Eric wohnt in Ntarama, gleich neben der Kirche. Er hat oft gehört, dass hinter den Backsteinmauern etwas Grauenhaftes geschehen ist, aber Genaueres weiß er nicht, und das ist auch besser so. Eric wird demnächst zehn. Er wurde geboren im April 1994, während der Itumba, der Zeit des schweren Regens, als sein Land im Blut versank. Damals wurden in 100 Tagen 800000 Menschen ermordet. Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen in so kurzer Zeit so viele Mitmenschen umgebracht. Es war der Versuch einer ruandischen „Endlösung“ im Jahre 50 nach Auschwitz. Die Weltgemeinde sah zu und weigerte sich zu helfen. Eric ist gewissermaßen ein Kind des Völkermords, und deshalb hat ihn seine Mutter Rucyamubicyika getauft, „der, der Schlimmes überstanden hat“. Dancilla Nyirabazungu, die Mutter, führt uns in die Kirche. Die Innenfläche hat die Ausmaße eines Tennisplatzes. An der Rückwand, unter einem ausgebleichten Plakat von Papst Johannes Paul II., sind Hunderte von zerschmetterten Schädeln aufgereiht. Zwischen dem Gestühl, um den Altar, unter dem Tabernakel liegen Kleiderfetzen, Sandalen, Kämme, Rosenkränze, Blechteller – ärmliche Utensilien des afrikanischen Alltags. Dazwischen Gebeine, Zähne, Fingerglieder, Rippen. An der sechsten Bankreihe bleibt Dancilla stehen. „Hier haben sie meinen Mann getötet.“ Nicht weit davon lag sie selber, geschützt durch die Körper der Toten und Sterbenden, im Bauch den kleinen Eric. Den Ehemann, zwei Kinder und 15 Verwandte hat diese Frau verloren. Wer in Ntarama durch Kugeln oder Handgranaten starb, dem war das Schicksal gnädig. Viele Opfer wurden mit Macheten geschlachtet wie Vieh, manche wurden langsam zu Tode geschunden. Ihre Peiniger trennten jeden Tag nur ein Körperteil ab. Lustvolles Morden, im Schichtwechsel, in einem erzchristlichen Land. Wo war damals eigentlich Gott? „Er war hier“, antwortet Dancilla. „Sonst hätte ich nicht überlebt.“ Zum Dank hat sie Eric einen dritten Namen gegeben: Hakizimana, Gott, der alleinige Retter. Tonlos, mit sachlicher Kühle die 50Jährige, und wären da nicht diese Augen, man könnte meinen, ihre eigene Geschichte ließe sie völlig ungerührt. Augen, in die sich der Schrecken geätzt hat, unauslöschlich. Die Mörder leben nebenan, im Dorf oder am nächsten Hügel. Man grüße sich, sagt Dancilla. „Sie haben um Vergebung gebeten. Wir haben vergeben.“ Es fällt schwer, ihr das zu glauben. Es fällt noch schwerer, wenn man sich mit einem Nachbar unterhalten hat, den Dancilla im Kreise der Schlächter gesehen haben will. Ungefähr einen Kilometer Luftlinie von der Kirche entfernt, zwischen Maisäckern und Bananenhainen, steht seine zimtbraune Hütte. Der Mann ist 48 Jahre alt und hat schlohweißes Haar. Ein Hutu, verheiratet mit einer Tutsi. Seinen Namen will er nicht nennen. Wo waren Sie am 15. April 1994, als das Massaker begann, Monsieur? „Ich war beim Genozid dabei, das stimmt. Ich habe mich nicht gut verhalten.“ Der Mann hat zwei Morde gestanden. Er deutet hinunter zur Talsenke und erzählt, wie er einen Nachbarn, einen alten Tutsi, mit der Machete totgeschlagen hat. Es hört sich an, als rede er von einem Verkehrsdelikt. Er sei zum Töten gezwungen worden, beteuert Dancillas Nachbar, vom Massenmord in der Kirche habe er indes nichts gewusst. Das sagt der Assistent des Bourgmestre von Ntarama, eine der Amtspersonen, die den Genozid auf kommunaler Ebene organisierten. Nein, er habe keine Erklärung für die Verbrechen. „In einer Gesellschaft kann alles passieren.“ Ärzte töteten Kranke, Nonnen trieben Flüchtlinge in den Tod Niemand hat eine Erklärung, weder die Opfer noch die Täter. Wie kommt es, dass ein Arzt seine Patienten im Krankenbett umbringt? Dass Lehrer ihre Schüler zerstückeln? Dass Pfarrer ihre Gläubigen mit Benzin übergießen und anzünden? Dass Familienväter Embryos aus den Leibern von Schwangeren reißen? Dass Bauern ihren Opfern die Sehnen durchschneiden, um sie an der Flucht zu hindern und erst am nächsten Tag abzuschlachten? Was ging im Physikprofessor vor, der eine Mordliste seiner Kollegen erstellte? Wie konnten die katholischen Nonnen Gertrude und Maria 5000 Tutsi aus dem Kloster von Sovu verweisen und sie, wie vorher abgesprochen, in die Messer ihrer Mörder treiben? Dies seien eben Phänomene animalischer Urgewalt, konserviert in Afrika, im Herzen der Finsternis. Raunt es aus jenen Breiten, die sich für zivilisiert halten. Aber die Finsternis ist in Ntarama nicht schwärzer als in Buchenwald, My Lai oder Srebrenica. Es gibt bisher nur wenige systematische Studien, was in Afrika tatsächlich geschieht, interessiert den Rest der Welt nicht allzu sehr. Der Genozid folgte einer klassischen Vernichtungslogik: Wenn wir nicht sie, die Tutsi, ausrotten, werden sie uns, die Hutu, vernichten. Die Mordexzesse hatten nicht das Geringste mit einem „Stammeskrieg“ zu tun, denn Hutu und Tutsi teilen Sprache, Sitten und Kultur, es gibt zahllose Mischehen, und selbst die besessensten Tribalisten können die Phänotypen oft nicht auseinander halten. Hutu-Extremisten sahen (und sehen!) Tutsi als Fremde, Unterdrücker, Invasoren, die irgendwann aus dem Niltal eingewandert sind. Der ugandische Sozialwissenschaftler Mahmood Mamdani stellt in seiner profunden Analyse When Victims Become Killers fest, dass sie nicht nur als feindliche Ethnie denunziert wurden, sondern als andere Rasse – ein ideologisches Konstrukt, entlehnt aus der kolonialen Rassenlehre des späten 19. Jahrhunderts. Die Vorgeschichte der Ethnogenese war natürlich komplizierter, unbestritten aber ist, dass die despotische Machtelite der Hutu die Minorität der Tutsi ein für alle Mal auslöschen wollte und, was gerne vergessen wird, alle regimekritischen Hutu gleich dazu. Die Massenmörder bedienten sich dabei wie die Nazis einer präzise verzahnten Staats-, Partei- und Propagandamaschinerie, der Militärs und der Polizei, der Milizen, der Medien und des Beamtenapparates, und sie wurden demagogisch flankiert von der Kirche, vom katholischen Klerus vor allem. Das Morden wurde zu einer Art Bürgerpflicht, zu einem Gemeindedienst. Die einfachen Leute gehorchten und töteten, getrieben von Furcht und Hass, aber auch von Neid und Gier auf den Besitz der inyenzi, der zu Kakerlaken entmenschlichten Tutsi. Am Ende erreichte das mordende Kollektiv einen utopischen Zustand – die Freiheit des Blutrausches, die totale Entgrenzung, in der jedes Gesetz, jede Moral, jedes Tabu aufgehoben ist. Und trotzdem, wie könnte man je begreifen, was die Mütter an der eisernen Brücke umtrieb, über die wir gerade fahren? Es waren Hutu-Mütter. Sie haben die Kleinkinder aus den Tragetüchern von Tutsi-Müttern gerissen und sie in den braunen Fluten des Nyabarongo-Flusses ertränkt. Zurück in der Hauptstadt. FC Kigali City gegen Rayon Sports, ein Fußballmatch im Nationalstadion. Zwei Teams, und niemand käme auf die Idee, zu fragen, wer Hutu oder Tutsi sei. Rot spielt gegen Blau – es ist wie eine Rückversicherung, dass es hier ein ganz normales Leben gibt, zehn Jahre nach der Katastrophe. Der Verkehr fließt, Baukräne kreisen, Handys schrillen. Auf den Kuppen von Kigali wachsen Bürotempel und Hotels, Banken und Cybercafés. „Es ist schon erstaunlich, dass es hier wieder aufwärts geht. Und dass die Menschen nach diesem Horror wieder miteinander leben können“, wundert sich ein Diplomat. Die Regierung der nationalen Einheit führt ihre Geschäfte drakonisch und effizient; zwar gehören ihr Hutu an, aber die Tutsi haben das Sagen – es ist eine Regierung der Sieger, gesteuert von Präsident Paul Kagame. Wer heutzutage ethnischen Zwist schürt, wird als „Divisionist“ gebrandmarkt und kann sich sogar strafbar machen. Die Menschen sind gezwungen, ein Lied zu singen: Wir sind alle Ruander. Die verordnete Eintracht aber ist wie ein dünner, poröser Wundverband, der über eine im Innersten kranke, zerrissene Gesellschaft gelegt wurde. Überlebende und génocidaires, Heimkehrer und Flüchtlinge, frankofone und anglofone Bürger, traumatisierte Minderheit und leugnende Mehrheit: man lebt nebeneinanderher. Man sieht weg. Man ignoriert. So wie der Jungunternehmer, der gerade in seinem Luxusgeländewagen die Avenue de la Paix hinunterrauscht, vorbei an der verkrüppelten Frau, der vor zehn Jahren das Bein abgehackt wurde. Gemeinsame Vergangenheit? Der Geschichtsunterricht hört 1990 auf. Was für die einen Völkermord ist, nennen die anderen „Krieg“. Demokratische Zukunft? Dieser Staat wird durch einen schwer bewaffneten Frieden zusammengehalten. „Sie sind verflucht zur Koexistenz“, sagt ein Justizberater aus Holland. Aber wie könnte eine derart gestörte Gesellschaft den Genozid bewältigen? Wie soll ein armes Land mit rudimentärem Rechtswesen mit den Mördern und Mordverdächtigen verfahren? Eine halbe Million seien es, schätzt das Justizministerium; 400000 laufen frei herum, 100000 sitzen in überfüllten Kerkern. Nehmen wir Mathias M., Exlehrer, seit sieben Jahren im Zentralgefängnis von Kigali. Er steckt in der rosaroten Anstaltskluft, weswegen die Häftlinge auch Flamingos genannt werden. Seine Hose ziert eine tadellose Bügelfalte. M. leugnet alle Verbrechen, die ihm vorgeworfen werden. Er leiert seine Abwehrsätze herunter, als hätte sie ihm ein Advokat eingeschärft. Sein Tut-mir-leid-was-ich-getan-habe tönt hohl. „Versöhnung? Mit Leuten, die taktische Geständnisse machen, aber nichts bereuen? Ich bitte Sie!“, ruft Benoît Kaboyi. Er ist der Generalsekretär von Ibuka, dem Dachverband der Überlebenden. Seine Eltern, zwei Geschwister und zahlreiche Verwandte liegen in der Massengruft von Nyamata. Aber sie ruhen nicht. „Erst wenn uns Gerechtigkeit widerfährt. Die Täter müssen eingesperrt werden. Mindestens lebenslang.“ Die Raison d’être der Regierung, die Politik der Versöhnung, ist für Kaboyi Gefühlsduselei. „Es geht uns wie den Angehörigen der ermordeten Juden. Sie können sich mit den Deutschen versöhnen, aber niemals mit den Nazi-Schergen. Verstehen Sie? Die Mörder leben alle noch! Sie sind unter uns, jeden Tag!“ Die Organisatoren und Drahtzieher des Völkermords müssen sich vor einem UN-Tribunal im tansanischen Arusha verantworten. Die grausamsten Handlanger werden von ruandischen Gerichten abgeurteilt. Würde man mit der Masse der Täter ebenso verfahren, wäre der letzte Prozess in 200 Jahren beendet. Deshalb greift der Staat auf eine präkoloniale Institution namens gacaca zurück. Das bedeutet Gras und bezeichnet den Ort, an dem einst die „Volksgerichte“ tagten. In den 9500 Verwaltungszellen des Landes sollen gewählte Laienrichter in öffentlichen Verhandlungen zugleich ermitteln, vernehmen, anklagen und aburteilen. Geständige und reuige Täter erhalten Strafnachlass oder Amnestie, müssen soziale Sühnedienste leisten. Kritiker bezweifeln, dass diese Rituale der Wahrheit und dem Recht dienen, von der Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Die Volksgerichte sind Beichte und Gruppentherapie zugleich „Aber was sollen wir tun? Es gibt keine Alternative“, erklärt Muhamud Nyakongeza, der Präsident eines gacaca-Gerichtes. Wir befinden uns im Viertel Amahoro in Kigali. Gut hundert Leute haben sich im Schatten einer zerfetzten Zeltplane versammelt. Sie wollen den Fall eines Mannes anhören, der zwei Nachbarn in eine Latrine gestoßen und mit einer Handgranate getötet haben soll. Der Mann trägt die rosarote Gefangenenkluft. Schweigend hört die Menge zu. Er verteidigt sich, offensiv, mit beschwörender Gestik. Sodann treten zwei Zeugen auf, die ihn entlasten. Ende der Sitzung, das Publikum kehrt zurück in die armseligen Hütten. Es war eine Beichte mit öffentlicher Absolution. Oder eine Art kollektive Gruppentherapie. Der Rest ist Verdrängen. Denn die Last der Erinnerung ist so gewaltig, dass sie die Menschen erdrückt. Sie könnten den Alltag nicht teilen, wenn sie sich jenen Zwangsvorstellungen hingäben, die uns Ausländer andauernd befallen. Man studiert die Gesichter und fragt sich: Täter oder Opfer? Man sieht Werkzeuge im Einsatz, die niedersausende Machete einer Bäuerin oder die Haue einer Arbeiters, und denkt unweigerlich an Mordinstrumente. Ukuri Kurakiza. Die Wahrheit heilt. Auch im Städtchen Gikongoro prangt auf einem Plakat die Werbung für gacaca. Aber was soll Emmanuel Murangira mit dieser Weisheit anfangen? Er hat eines der furchtbarsten Blutbäder überlebt, an seiner linken Stirnseite klafft ein Trichter, aus dem man die Kugel geholt hat. Seine Frau und fünf Kinder wurden ausgelöscht. Sechs von 50000 Menschen, die an der Technikerschule von Murambi massakriert wurden. Murangira öffnet Tür um Tür. Jedes Klassenzimmer ist gefüllt mit kaolinweißen Leichen, konserviert, um für immer an die Bestialität zu erinnern. „Tutsi, nur Tutsi“, erläutert Murangira. Männer, Frauen, Kinder, die Schädel zertrümmert, die Glieder verstümmelt oder bizarr verrenkt, in den Gesichtern das gefrorene Grauen. Dazu der unerträgliche Gestank. Man dreht sich um und blickt auf eine bukolische Landschaft, auf grüne Hügel, grasende Rinder, Teeplantagen, Cassia-Bäume im gelben Blütenkleid. Das Land wirkt so überwältigend schön, weil man es aus der Hölle heraus betrachtet. Es kommen viele ausländische Besucher, berichtet Murangira. Sie sind schockiert, weinen in ihre Taschentücher, murmeln: „Nie wieder!“ Und alle schämen sich ein wenig. Weil die Weltfamilie nicht eingeschritten ist, als das große Morden begann. Weil die Blauhelme der UN abgezogen wurden, obwohl ihr Kommandeur, der kanadische General Roméo Dallaire, eindringlich vor dem geplanten Völkermord gewarnt hatte. Es war das schändlichste Versagen in der Geschichte der Vereinten Nationen. Man wusste in Washington, London, Paris und Brüssel ziemlich genau, welche Tragödie in Ruanda ablief. Aber niemand griff ein, die Amerikaner nicht, die Europäer nicht und auch die Afrikaner nicht. Gar nicht zu reden von den Franzosen, die das Hutu-Regime aufgerüstet und alimentiert hatten. Präsident François Mitterrand befand seinerzeit: „In solchen Ländern ist Völkermord nicht so wichtig.“ Man hat das in Ruanda nicht vergessen. „Die Weltgemeinde hat nicht versagt“, meint Pacifique Rutanganda, ein Überlebender aus Ntarama. „Wie hätte sie denn versagen können? Sie war doch gar nicht da.“ Über der Stelle, wo sein Vater erschlagen wurde, sind schneeweiße Catharanthus-Blumen gewachsen. Warum wurde Ruanda allein gelassen? – „Weil wir euch egal sind. Weil wir kein Öl haben und nichts.“ Und weil afrikanisches Leben offenbar weniger zählt, menschliches jedenfalls. „Hätte jemand versucht, die 300 Berggorillas in Ruanda auszurotten, wäre die Reaktion größer gewesen“, glaubt Roméo Dallaire. 5000 Blauhelme, schätzt er, hätten den Massenmord verhindern können. Der UN-General hat aus Verzweiflung über seine verlorene Soldatenehre versucht, sich das Leben zu nehmen. Das Ausland beeilte sich nach dem Völkermord, sein schlechtes Gewissen durch großzügige Wiederaufbaugeschenke zu beruhigen – eine Art humanitärer Ablass. Madeleine Albright, damals Amerikas UN-Botschafterin, hat unlängst in der ZEIT bekannt, wie sehr sie ihr Versagen verfolge. Butros Butros-Ghali, Exgeneralsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, damals zuständig für Friedensmissionen, Expräsident Bill Clinton, sie alle habe sich entschuldigt. Und alle Welt trauert ein bisschen aus der Ferne mit in diesen Gedenkwochen. Aber die Empathie stinkt nach Scheinheiligkeit. Was hätte man denn gelernt aus dieser Katastrophe? Nie wieder? Wenn es zum Beispiel in Burundi, dem ethnischen Zwilling Ruandas, zu einem Genozid käme, die Welt würde vermutlich wieder untätig zusehen. Derweil kriecht die Angst zurück in die Präfektur Gikongoro, vielleicht ist sie auch nie aus ihr verschwunden. Erst im November wurde ein rescapé, ein Überlebender des Völkermordes, vor den Augen seiner Kinder in Stücke gehackt, erzählt Emmanuel Murangira. Die unbekannten Täter schnitten die Zunge und die Geschlechtsteile des Mannes ab. Er sollte bei einer gacaca-Verhandlung aussagen.
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