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Schmidinger, Nubien Unter Wasser? (2002)Schmidinger, Thomas. "Nubien unter Wasser?" Risse Im Context XXI 7 (2002). Suad Ibrahim Ahmed wurde am 30. Mai 1935 in Khartoum in einer nubischen Familie geboren. Bereits früh schloss sie sich der jungen Kommunistischen Partei des Sudan an. 1960 schloss sie ihr Studium an der Khartoum University ab und begann als Lehrerin in der nubischen Grenzstadt Wadi Halfa zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Pläne der ägyptischen Militärregierung Gamal Abd An-Nassers zum Bau eines Hochdammes südlich von Aswan schon sehr weit gediehen und das ägyptische Regime verhandelte mit dem sudanesischen Militärregime General Abbuds über die Entschädigungen, die der Sudan für das Gebiet erhalten sollte, das auf sudanesischem Territorium in der Folge überflutet werden sollte. Trotz des erbitterten Widerstands der nubischen Bevölkerung verschwand schließlich der Großteil Nubiens unter den Wassermassen die der Aswan-Damm aufstaute. Und trotz der bekannten negativen Folgen für Mensch und Natur, der Zerstörung einer der ältesten Kulturregionen der Welt, der Verschlammung des Sees und des Mangels an fruchtbarem Nilschlamm am Unterlauf des Nils, will nun die islamistische Militärregierung des Sudan auch den verbliebenen Rest Nubiens unter Wasser setzen. Mit Suad Ibrahim Ahmed, die bereits in den Sechzigerjahren eine entscheidende Rolle im Kampf der NubierInnen gegen diesen Damm gespielt hat und nun mit ihren MitstreiterInnen von der “Nubian Alliance†gegen die zweite Vertreibung der NubierInnen kämpft, sprach Thomas Schmidinger. TS: Sie waren bereits im Widerstand gegen den Aswan-Damm aktiv. Können Sie uns erzählen, wie dieser Widerstand aussah, warum er letztlich fehlgeschlagen ist, warum aber trotzdem an den Ufern des Nubischen Sees ein neues Wadi Halfa entstanden ist, ein Wadi Halfa, das keine Dattelpalmen und Gärten mehr kennt und zwischen Wüste und See eingezwängt ist, das aber immerhin existiert. SIA: Der Hochdamm kam nachdem bereits mehrmals niedrigere Dämme errichtet wurden, die die lokale Bevölkerung schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. Letztlich war der Hochdamm ein Resultat des “Nile-Waters-Agreementâ€. Die Leute dachten damals, dass sich der Sudan mit seinen Millionen Hektar Land nicht weiterentwickeln könnte, ohne mehr Wasser zur Verfügung zu haben. Deshalb war es notwendig ein solches Abkommen zu unterzeichnen. Die Verhandlungen dafür begannen schon zu einer Zeit als die Briten noch hier waren. TS: Sie selbst eröffneten Schulen ohne Hilfe von Außen? SIA: Ja, sie selbst eröffneten die Schulen und sie eröffneten sogar ein Spital. Sie blieben dort, von der Regierung ignoriert bis nach der Oktoberrevolution [dem Sturz General Abbuds Anm.]. TS: Sie blieben also einige Jahre lang völlig auf sich allein gestellt an den Ufern des neuentstandenen Sees? SIA: Ja, sie blieben rund zehn Jahre lang auf sich gestellt. Sie haben sich zehn Jahre lang selbst regiert. TS: Wovon haben die Leute diese zehn Jahre lang gelebt? Es gab ja kein fruchtbares Land mehr, nur Wüste und See. SIA: Sie haben ihre Kompensationszahlungen benützt, die sie gesammelt hatten und verwendeten sie zur Versorgung der Bevölkerung und zur Schaffung von Infrastruktur. Sie kauften LKWs um Lebensmittel aus der Stadt bringen zu können. Ein Arzt kündigte beim Ministerium und kam nach Wadi Halfa. Auch einige Lehrer taten dasselbe. Die Leute organisierte alles selbst. TS: Ja, ich habe es gesehen, Wadi Halfa ist heute wieder eine recht große Stadt. SIA: Ja, in der Stadt allein, ohne die Dörfer rund herum, von denen sich auch einige weigerten, umgesiedelt zu werden, waren wir 17.000. Nun sind es infolge der Politik der gegenwärtigen Regierung aber wieder weniger geworden. TS: Ja, wer Wadi Halfa besucht hat den Eindruck, dass es zwei Tage in der Woche gibt, an denen Leben in die Stadt kommt: Wenn das Schiff von Ägypten kommt und wenn das Schiff nach Ägypten abfährt. SIA: Ja, es waren genau zwei Tage in der Woche. Die Leute die kommen und gehen sind die einzige Wirtschaftsgrundlage Wadi Halfas. Sie müssen essen, transportiert werden, übernachten... TS: Sie stoppen diese, weil sie den Damm dort bauen wollen? SIA: Nein, sie stoppen diese Forschungen weil sie keine vorislamische Geschichte wollen. Wenn sie nach Hannover oder Milano gehen, um sich zu präsentieren, stellen sie alles aus, nur nicht Gegenstände unserer nubischen Kultur. Diese Regierung verfolgt in ihrer Wirtschafts-, Bildungs-, Gesundheits- und Agrarpolitik das Ziel unsere nubische Kultur auszulöschen und ihre Form des Islamismus und Arabismus als einzige Kultur des Sudan durchzusetzen. TS: ...eine Art Friedensvertrag zwischen dem islamischen Staat und den christlichen Königreichen des Sudan. SIA: Ja, dies war zuvor ohne Beispiel. Es war ein Friedensvertrag zwischen dem Wali in Ägypten und den NubierInnen und wir erlaubten ihnen darin, unser Gebiet zu durchqueren. Daneben war das Ganze auch eine Art Handelsabkommen. Sie wollten Sklaven und Produkte aus dem Sudan und sie gaben uns Kleider und andere Produkte aus Ägypten. TS: Und die gegenwärtige Regierung will nun dieses Bild der Geschichte zerstören? Was ist das Ziel, die nubische Kultur zu zerstören und die Region zu entvölkern? SIA: Sie glauben, dass NubierInnen keine guten Muslime sind. Unser Islam hat eine eigenständige Ausformung. Aber dies ist keine nubische Spezialität. Der Islam hat im gesamten Sudan seine eigenen Charakteristika. Der Islam im Norden Aswans ist anders wie der Islam südlich davon. Es dauerte über sieben Jahrhunderte um den Islam zur Religion der Mehrheit zu machen und diese Islamisierung war ein friedlicher Prozess, der durch Heirat und Handel von Statten ging. Deshalb überlebten die sozialen Strukturen und Traditionen der verschiedenen Gemeinschaften die Islamisierung. Deshalb werden viele unserer Traditionen und Sozialstrukturen als unislamisch betrachtet. TS: Bei den Nubiern? SIA: Nein, aber bei einigen anderen Gruppen in Kordofan und Darfur. Vorehelicher Sex ist bei uns in Nubien nicht akzeptiert, aber eine Vermischung der Geschlechter ist erlaubt. TS: Und Nubien ist für sie der Schlüssel nach Ägypten? SIA: Ja, Nubien ist der Schlüssel nach Ägypten. Und wir sind keine Fundamentalisten. Sie wissen das, weil sie bei jeder demokratischen Wahl verloren haben. Sogar heute. Im Nubischen Akademikerverein bekam ich am meisten Stimmen und der Muslim-Bruder bekam nur ganze sieben Stimmen. Und das unter den Bedingungen dieser Diktatur! Dieses Regime beschloss die Geschichte des Sudan von 1504 an, als es den ersten islamischen Staat im Sudan gab, zu erzählen. Und zuvor gab es nichts. TS: Die nubische Kultur litt bereits durch die Deportationen der NubierInnen an den Atbara. SIA: Ja, die nubische Diaspora ist größer als die NubierInnen, die in Nubien leben. Dies beeinträchtigt unsere Sprache und Kultur. Ich konnte immer noch nicht das “Nubian Studies and Documentation Center†in Khartoum registrieren. Alle Studienzentren sind in Europa und den USA. Wir haben nun mit einem solchen Studienzentrum in Kairo begonnen, das erste, das von Nubiern selbst aufgebaut wurde. TS: Und ihr schreibt das dann in eurer eigenen Schrift. SIA: Ja, natürlich. Was wir als Nubian Alliance geschaffen haben ist, dass wir den Leuten wieder ihren Stolz zurückgegeben haben. Wir haben den Menschen erklärt, dass das was ihnen geschieht nicht gottgegeben ist, sondern von Menschen gemacht wurde und damit kann auch Widerstand dagegen geleistet werden. Daraus speist sich auch der Widerstand gegen den Kajbar-Damm TS: Können sie mir etwas genauer beschreiben wie dieser Widerstand aussieht? SIA: Ja, das ist seht interessant, denn die Nubian Alliance ist keine Organisation, sondern eine Bewegung. Wir sind keine geschlossene Organisation, wo man um Mitgliedschaft ansuchen kann. TS: Wie kam es dann an die Öffentlichkeit? SIA: Ahh, wir haben unsere Wege, da dahinter zu kommen. Wir wussten bereits einen knappen Monat später davon und wir stellten sofort ein Flugblatt her: “Ja zu Elektrizität, nein zu einem weiteren Damm!†Das war das erste Flugblatt, das wir dazu gemacht haben und das war dann auch der Grund, weshalb uns die Regierung als oppositionelle politische Organisation angesehen hat. Wir sind aber keine politische Organisation. Die “Nubian Alliance†ist eine Graswurzelbewegung, die das Leben der Menschen in den Dörfern verbessern und der verbleibenden Bevölkerung ermöglichen will, in der Region zu bleiben in der sie jetzt lebt. TS: Ich danke für dieses Gespräch und wünsche euch viel Glück bei eurem Kampf um die Zukunft Nubiens. SIA: Danke ebenfalls. Die Radiosendung von Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger “Äxte gegen Technokraten†über den Kajbar-Damm, die vor kurzem den Preis für Erwachsenenbildung haben, steht auf der Website von Context XXI zum Anhören und Runterladen bereit.
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