User loginNavigation |
Hamid, Am Rande des Lebens (Dec 2004)Hamid, Ishraga Mustafa. "Am Rande des Lebens." an.schläge 12 (Dec 2004). Im Sudan kämpfen Frauen tagtäglich für sich und ihre Kinder ums nackte Überleben. Über die traumatisierte Situation intervertriebener Flüchtlingsfrauen berichtet Ishraga Mustafa Hamid Im Sudan kämpfen verschiedene Gruppierungen für die Gleichberechtigung aller Sudanesen, unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit, Religion und politischen Ausrichtung - die Kategorie Geschlecht wird dabei bis zum heutigen Tag übersehen. Die Ursachen dieses Krieges liegen in der ungerechten Ressourcenverteilung zwischen den vielfältigen Volksgruppen bzw. Kulturen, Identitäten und Religionen. Der Sudan gilt mit der Vielfalt seiner Ethnien als für Afrika repräsentativ. Repräsentativ ist er auch hinsichtlich ungleicher Verteilung von Macht und Ressourcen. "Westliche" Kriegsbilder. Die Vorstellung "westlicher" Länder, wonach religiöse Spannungen für den Krieg im Sudan verantwortlich seien, entspricht nicht der historischen Realität. Die viel zitierte Spaltung in einen muslimisch-arabischen "Norden" und einen christlich-afrikanischen "Süden" wurde sowohl vom Westen als auch von der jetzigen Regierung sehr stark gefördert. Diese Polarisierung negiert die gesellschaftliche Vielfalt. So sind die im Nordsudan lebenden NubierInnen zwar MuslimInnen, jedoch keine AraberInnen. Auch die im Westsudan lebenden Nuba, Four und Masaleet werden als Nordsudanesen identifiziert. Erst seit der Einführung der Scharia 1983 spielt Religion eine außergewöhnliche Rolle. Seit die "Muslimbrüderschaft" 1989 mit einem Militärputsch die Macht übernahm, wird Religion sehr stark mit Politik vermischt. Politik wird seither islamisiert und der Djhad im Namen vom Allah gegen alle, die dieser Partei nicht angehören, geführt. Doch trotz angestrebter Islamisierung der gesamten Gesellschaft liegen die Kriegsursachen aus politischer Sicht in ungleichen Machtverhältnissen und ungleicher Ressourcenverteilung. Mittäterinnen. Wie Haidar Ibrahim in seinem Buch "Islamisierung der Politik im Sudan"1 anführt, spielt(e) die Vereinigung der "Muslim Sisterhood" beim Anheizen des Krieges eine außergewöhnliche Rolle. Frauen wurden und werden rekrutiert und in die Kriegsgebiete gebracht, um gegen die sogenannten Ungläubigen zu kämpfen. Der Djhad wird gegen Nicht-MuslimInnen und gegen muslimische RegierungsgegnerInnen geführt. Die "Muslim Sisterhood" verwendet die gleichen politischen und agitatorischen Strategien wie die Regierung. Kinder und Jugendliche werden überzeugt, für Allah zu kämpfen und als Belohnung dafür, dass sie im Krieg fallen, werden ihnen die schönen Huria im Paradies versprochen. Mütter, die ihre Söhne - oft gegen deren Willen - in die Kriegsgebiete schicken, müssen damit rechnen, dass sie diese nie wieder sehen. Von den Müttern wird erwartet, über den "Märtyrertod" ihrer Söhne nicht zu weinen, sondern sich zu freuen. Mit surrealen Himmels-Feiern sollen sie beruhigt werden, von den Muslimschwestern erhalten sie Geschenke. Manche Mütter nehmen diese Geschenke nicht an und lehnen weinend das Treffen mit den Muslimschwestern ab. Die Rollen von TäterIn und Opfer sind an diesem Beispiel sehr differenziert zu bewerten. Mangelnde Friedenskultur. Seit einiger Zeit gibt es, unter Druck der USA, wieder Friedensverhandlungen im Sudan, die allerdings auf nur zwei Parteien begrenzt sind: die Regierung und das "Sudanese People's Liberation movement" (SPLM). Fast die gesamte Zivilgesellschaft wird ausgeschlossen, bei den Verhandlungen nimmt keine einzige Frau teil. Die Dauerhaftigkeit eines möglichen Verhandlungserfolges ist daher sehr fragwürdig, zumal darüber hinaus die enorme Kluft zwischen Arm und Reich seitens der Regierung ignoriert wird. In den Schulbüchern oder in den Medien wird keine Friedenskultur vermittelt. In den Grundschulen weist nur ein Schulgedicht auf den Frieden zwischen den "SüdsudaneseInnen" und "NordsudaneseInnen" hin. Friedenserziehung sollte grundsätzlich vom Kindergarten an beginnen, das ist jedoch aufgrund mangelnder Strukturen im Sudan nicht möglich. Daher sollten Ersatzstrategien entwickelt werden, die alle Zivilgesellschaften involvieren. Ein Friedensabkommen zwischen der Regierung in Khartum und SPLM schloss sowohl Frauen als auch NGOs von den Verhandlungen aus. Auch wenn ein für die Verhandler akzeptables Abkommen geschlossen werden konnte, bleibt unbeantwortet, welche Strategien für Probleme wie Armut, wirtschaftliche und politische Instabilität und nicht zuletzt das Problem der Binnenflüchtlinge entwickelt werden können. Die Nachkriegssituation muss aufgearbeitet werden. Vor allem hinsichtlich Gewalt gegen Frauen gibt es keine geschlechtsspezifische Kriegsfolgenbewältigung. Konfliktlösungen, Entmilitarisierung und Wiederaufbau sollten Frauen aktiv beteiligen. Offen bleibt jedoch, ob Frauen im Sudan als "Peace-Keeper" angesehen werden. Frauen am Rande. Laut der Studie "Am Rande des Lebens: soziökonomische Analyse intervertriebener Frauen im Sudan"2 stellen Frauen, die aus dem West- und Südsudan kommen, eine besondere Zielgruppe dar, da sie seit Jahren unter Krieg und Konfliktssituationen leiden. Sie mussten ihr Heimatland verlassen und nach Khartum flüchten. Ihre damit verknüpften Hoffnungen auf Ruhe und Sicherheit werden von der bitteren Realität eingeholt. Sie leben unter sehr schlechten Bedingungen und sind weiterhin von Gewalt und Vergewaltigung bedroht. Im Flüchtlingslager kämpfen die Frauen ums Überleben, wie die Ergebnisse der vorliegenden Studie aufzeigen. Meistens arbeiten sie als illegale Tee- und Kaffeeverkäuferinnen am Straßenrand, oder handeln mit Alkohol, was im Sudan durch die Scharia verboten ist. Sie werden häufig inhaftiert, einige sogar mit ihren Kindern. Andere werden zur Prostitution gezwungen. Die Frauen kämpfen um ausreichend Nahrung und Trinkwasser, medizinische Versorgung können sie sich zumeist nicht leisten. Viele Krankheiten sind verbreitet, vor allem Malaria und Typhus - Krankheiten, die in direkter Verbindung zur Armut stehen. Viele intervertriebene Frauen, deren Männer im Krieg gestorben oder einfach verschwunden sind, befinden sich völlig allein in einer neuen Situation. Sie haben trotzdem neue Fähigkeiten gewonnen, versuchen irgendwie ihre Probleme zu meistern. Sie sorgen für ihre Kinder, wollen diese in Schulen schicken, was aufgrund von Schulgebühren vielfach nicht gelingt. Wenn Frauen wegen Alkoholhandels inhaftiert sind, bleibt ihren Familien nichts zum Überleben. Notwendige Hilfe. Einige der Regierung nahestehende NGOs instrumentalisieren ihre Unterstützungsprogramme für politische Zwecke. Etwa wenn gefangene Frauen früher aus der Haft entlassen werden, wenn sie die arabische Sprache gut lernen. Es ist kritisch zu hinterfragen, ob diese Frauen die Sprache wirklich lernen wollen oder lieber ihre eigenen Sprachen als wichtigen Bestandteil ihrer Identitäten an die bereits in Flüchtlingslagern geborenen Kinder weiter geben wollen. Auch die Programme internationaler NGOs, die im Lager arbeiten, sollten hinsichtlich der ausreichenden Berücksichtigung von Bedürfnissen und Anliegen sowie geschlechtsspezifischer Unterschiede befragt werden. Die Studie hat gezeigt, dass mehr Projekte durchgeführt werden müssen, um Frauen Traumata durch Gewalt und Vergewaltigung überwinden zu lassen. Bewusstseinsbildende Programme zur Bekämpfung von Armut, HIV und AIDS sowie zu reproduktiven Rechten sind ebenfalls dringend notwendig. Die Betroffenen haben Sehnsucht nach ihrer alten Heimat, aber auch Ängste, Hoffnungslosigkeit und Entmutigung. Daher ist es wichtig, dass sie in Rückkehrprogramme involviert werden, sie sollen entscheiden können, ob sie in Khartum bleiben wollen - allerdings unter menschlichen Bedingungen. Um solche Projekte durchzuführen, braucht es internationale Unterstützung, vor allem von EU-Seite, damit sich für die vergessenen Frauen am Rande des Lebens ein neuer Horizont öffnen kann. Ishraga Mustafa Hamid ist gebürtige Sudanesin und lebt seit 11 Jahren in Wien. Sie studierte im Sudan wie auch in Wien Publizistik und Kommunikationswissenschaften, ist freie Wissenschafterin und seit 2001 Lektorin an der Uni Wien, Institut für Politikwissenschaft. 1 "El Islam El Siasi in Sudan - El Jabh el Islamia nemozagn"- 2 Die Studie wurde von Ishraga M. Hamid durchgeführt und im September dieses Jahres präsentiert. Die Studie wurde von der evangelischen Frauenarbeit/Brot für Hungernde, der Evangelischen
|